4.9.2010 : 19:30 : +0200

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April

Abzug der deutschen Truppen aus Lebach, Tholeyer Strasse, vor dem Einmarsch der der Amerikaner.

 

Archiv: Egon Gross

 

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Kriegsende in Niedersaubach

 

Im Spätherbst des Jahres 1944 wurde ein Trupp deutscher Soldaten mit Pferdefuhrwerken in Niedersaubach einquartiert. Die beengten Wohnverhältnisse der damaligen Zeit machten die Einquartierung nicht einfach. Die Wachstube wurde im Haus Jakob Schäfer (heute Brennerei Penth, Antoniusstraße) eingerichtet. Fast in jedem Haus musste ein Soldat untergebracht werden. Ein eigenes Bett stand wohl den wenigsten Soldaten zur Verfügung; sie mussten auf einer Liege oder auf einem Strohlager schlafen. In den wenigsten Stallungen war freier Platz, um ein Pferd unterzustellen. Die Pferde wurden daher in den Tennen der Scheunen eingestellt.

Zu Beginn der Einquartierung waren Zurückhaltung, ja Misstrauen zwischen den Soldaten und der Zivilbevölkerung spürbar, vor allem wusste zunächst niemand um die politische Einstellung des anderen. Jede Familie versuchte zunächst, ihre verbotenen Vorratsverstecke vor „ihrem“ Soldaten geheim zu halten, was natürlich wegen der beengten Wohnverhältnisse auf Dauer unmöglich war. Wie sollte es auch gelingen, z. B. eine „Schwarzschlachtung“ vor einem Soldaten, der täglich in Haus und Stallung ein- und ausging, zu verbergen? Ich kann mich erinnern, dass „unser“ Soldat trotz aller Geheimhaltungsversuche genau während der „Schwarzschlachtung“ nach Hause kam. Der große Schrecken löste sich, als er mit anpackte und lachend erklärte: „ Zuerst sollte ich nichts bemerken, und jetzt muss ich helfen.“ So wurde das Misstrauen abgebaut. Das Verhältnis zwischen den Soldaten und den Niedersaubachern wurde ungezwungen und meist vertrauensvoll. Es ist kein Fall bekannt, dass ein Soldat eine Niedersaubacher Familie angezeigt hätte.

Zwei Konfliktfelder blieben allerdings während der ganzen Zeit der Einquartierung bestehen. Das Abhören von Feindsendern verursachte bei den Saubachern große Ängste. Wenn dann noch der Soldat vergaß, den Sender am Radio zurückzudrehen, war das am nächsten Morgen Anlass zu besorgten Vorwürfen. Härter waren die Auseinandersetzungen um das Viehfutter. Die Futtermenge für die Militärfahrzeuge war völlig unzureichend. Ausgemergelt und von Hunger gequält zerbissen die Pferde sogar alle erreichbaren Holzpfosten. Daher war es nur zu verständlich, wenn die Soldaten sich in Sorge um ihre Pferde nachts heimlich am Heuvorrat in den Saubacher Scheunen bedienten. Die Niedersaubacher versuchten dies in Sorge um ihr Vieh zu verhindern.

Im Dezember 1944 wurden die Angriffe auf Lebach häufiger. Einen Luftschutzbunker gab es in Niedersaubach nicht. Daher wurde in jedem Haus, unter Anleitung und Mithilfe der einquartierten Soldaten, ein Kellerraum als „Schutzraum“ ausgebaut. Die Decke wurde mit Holzstempeln abgestützt, die Kellerluken durch Steine und Sandaufschüttungen von außen geschützt. Am Ortsausgang nach Rümmelbach, nur wenige Meter von den letzten Häusern entfernt, bauten die Soldaten eine Panzersperre. Auf beiden Seiten der Straße wurden starke Holzpfosten so in die Erde gerammt, dass lange Baumstämme quer über die Straße eingepasst werden konnten. Ob diese Konstruktion für Panzer wirklich ein Hindernis dargestellt hätte, erscheint sehr fraglich. Sie vermittelte den Saubacher Bürgern jedenfalls nicht ein Gefühl der Sicherheit, sondern war ein Grund neuer Ängste, da man befürchten musste, anrückende Panzer würden durch diese Sperre nur dazu angeregt, sich den Weg freizuschießen.

Am Morgen des 17. März mussten die Soldaten sechs große Geschütze nach Niedersaubach transportieren. Sie wurden in der Steinheckstraße aufgestellt und nach Schmelz - Außen ausgerichtet, von wo der Vormarsch der Amerikaner erwartet wurde. Gegen 15.00 Uhr begannen die deutschen Geschütze in Richtung Schmelz zu feuern. Kurz darauf schossen die Amerikaner von der Außener Höhe zurück. Vom Nachmittag an saßen wir dicht gedrängt im engen Kellerraum. Man hörte den Donner der Geschütze, das Zischen und den Einschlag der Granaten. Manchmal spürte man, wie die Detonationen das Haus erschüttern ließen. Nur ein kleines Kerzenlicht erhellte den Raum. Wir beteten und zitterten. Gegen sechs Uhr am Morgen des 18. März waren noch einmal gewaltige Detonationen zu hören. Danach kam Janosch, „unser“ Soldat, in den Keller und erklärte: „Die Geschütze sind gesprengt, wir ziehen ab.“ Nach kurzer Zeit kam er noch einmal zurück und berichtete, dass er zusammen mit den Soldaten aus der Nachbarschaft die Panzersperre geöffnet hatte. Wir blieben noch im Keller, bis es hell geworden war. Seit Stunden war kein Beschuss mehr zu hören. Ängstlich wagten sich die Leute ins Freie und betrachteten die Schäden an den Häusern. In eine Scheune in der Nachbarschaft war eine Granate eingeschlagen. In den Garten neben unserem Haus hatte eine Granate ein tiefes Loch gerissen. Die Fenster waren kaputt. In die Giebelwand hatten Granatsplitter armtiefe Löcher geschlagen. Allmählich wurden von Haus zu Haus Informationen über die Geschehnisse der Nacht weitergegeben. Die traurige Nachricht vom Tode eines Niedersaubachers machte schnell die Runde. Der junge Herbert Neis hatte zu früh den Keller verlassen. Er wurde bei der Sprengung der Geschütze von Splittern getroffen und tödlich verletzt.

Der 18. März war ein sonniger Frühlingstag, die Leute standen vor den Häusern und warteten in banger Ungewissheit auf den Einmarsch der Amerikaner. Bettlaken waren als weiße Fahnen gehisst. Im Laufe des Vormittags konnten wir beobachten, wie ein Fußtrupp amerikanischer Soldaten sich von der Linde her aus Richtung Tanneck dem Dorf näherte. Etwa 50 Meter von den Häusern entfernt machten sie halt und gingen in dem Geäst einer völlig zerschossenen Streuobstwiese in Deckung. Erst gegen 14.00 Uhr rollten die Panzer aus Richtung Rümmelbach ein, die Fußsoldaten verließen die Deckung und marschierten hinter den Panzern ins Dorf. Bald entspannte sich die Situation. Die amerikanischen Soldaten warfen uns Kindern Schokoladenriegel zu, die wir zuerst ängstlich, dann freudig und dankbar entgegennahmen.

 

Josef  Heinrich

 

Überleben unter den Bedingungen des Krieges

 

In unserer ländlichen Gegend waren die Umstände des Krieges gewiss nicht so hart wie in den städtischen Zentren. Zum einen lagen unsere Orte nicht so im Visier der Angriffsbemühungen wie die Städte, zum anderen war die Versorgungslage in unseren auf Selbstversorgung ausgerichteten Dörfern immer noch besser als in den Städten und Industriezentren.

Dennoch  wurde auch bei uns die Lage immer angespannter, je länger der Krieg dauerte. Die meisten Männer waren eingezogen. Auf den größeren Bauernhöfen waren Gefangene oder Zwangsarbeiter als Hilfen eingesetzt. Bei den Bergmannsbauern mussten alle für das Leben der Familie notwendigen landwirtschaftlichen Arbeiten von den Frauen und Kindern geleistet werden.

Hart und bedrückend waren die vorgeschriebenen Abgaben von allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Sie waren so hoch, dass die Versorgung der eigenen Familie gefährdet war. Natürlich versuchte jeder zu mogeln. Schweine und Kälber wurden „schwarz“ geschlachtet. Die Milchleistung der Kühe wurde geringer angegeben, ebenso wie das Ernteergebnis bei Getreide und Kartoffeln.

Mit zunehmender Kriegsdauer wurden die Kontrollen verschärft, was zu mehr Phantasie und Risikobereitschaft bei der Umgehung der Vorschriften herausforderte. In manchem Heustapel war eine Kiste mit Getreidesäcken versteckt. Der Lagerraum für die Kartoffeln wurde so vertieft, dass die Kontrolleure nicht die wirkliche Menge ausmessen konnten. In jedem Haus war ein versteckter kleiner Raum, das so genannte „Häloch“ („Hä“ von „Häwes“), in dem Vorräte vor der Kontrolle sicher versteckt werden konnten.

Die Kontrolleure waren alles andere als beliebt. Der Milchkontrolleur, der sich nicht darauf beschränkte, die ihm vorgezeigte Milchmenge zu messen, sondern auch nachprüfte, ob die Kühe wirklich ausgemolken worden waren, wurde abschätzig „Naudermann“ („Nauder“ = Euter) genannt. Der Kontrolldruck schweißte die Dorfgemeinschaft zusammen. Wenn Kontrolleure anrückten, wurde die Warnung in Windeseile von Haus zu Haus weitergegeben. So konnte nicht angemeldetes Vieh schnell aus dem Stall in den nahen Wald getrieben werden. Dabei wurde Nachbarschaftshilfe großgeschrieben, so dass die Kontrollen meist ergebnislos verliefen.

Um die heimliche Milchwirtschaft zu unterbinden, wurde die Abgabe aller Zentrifugen und Butterfässer verfügt. Nun wurden die altertümlichen „Milchapparate“ wieder aus den Abstellkammern herausgesucht, die nun notdürftig die Zentrifugen beim Entrahmen der Milch ersetzen mussten. Wer noch ein altes Butterfass aufbewahrt hatte, gab natürlich nur ein Gerät ab, meist, um keinen Verdacht zu erregen, das neuere. Unser kleines gläsernes Butterfass wanderte damals, unter einem Sack im Kartoffelkorb versteckt, in der ganzen Nachbarschaft von Haus zu Haus.

Die Mangellage machte sich nicht nur im Bereich der Nahrungsmittel bemerkbar. Hilfreich war, dass die Menschen damals in allen Bereichen, viel mehr als heute, auf Sparsamkeit und findige Selbstversorgung eingestellt waren. Schuhe wurden in fast jeder Familie selbst besohlt, Kleider geflickt und umgenäht. Das sah natürlich sehr ärmlich aus, aber  man wusste sich irgendwie zu helfen. Nichts wurde weggeworfen: kein alter Schuh, kein zerrissenes Kleidungsstück, kein Blatt Papier. Immer noch konnte man einen Leder- oder Stoffflicken daraus schneiden, und Zeitungsblätter wurden zu Toilettenpapier. Aus leeren Schuhwichsdosen und den kleinsten Kerzenstummeln wurden Wachsleuchten gebastelt.

Kaffee gab es nicht mehr. Gerste- oder Roggenkörner wurden unter ständigem Umrühren auf dem Herd geröstet und als Kaffeeersatz genutzt. Seife war rar und teuer. Daher wurde aus den Schlachtabfällen wie Knochen- und Gedärmefett unter Zusatz von „Seifenstein“ Seife gekocht. Das stank zwar fürchterlich, aber wenn der Sud eingedickt war, konnte er nach dem Abkühlen in Stücke geschnitten werden, und die Reinigung von Haus, Kleidung und Mensch war wieder eine Zeit lang ermöglicht. Öl war knapp. Im Herbst mussten die Kinder Buchecker sammeln. Die Ecker wurden von Hand einzeln geschält. Dann wurde in Handpressen das Öl aus ihnen herausgequetscht. In jedem Garten wurden Heilkräuter, besonders Pfefferminze, angepflanzt. Die Kinder mussten Lindenblüten sammeln. Jede Familie hatte so ihre kleine Hausapotheke aus getrockneten Heilkräutern. Mit altbewährten „Hausmittelchen“ wurden Fieber, Erkältung und viele kleine Wehwehchen behandelt.

Es war eine Zeit des Mangels, aber auch der findigen Selbsthilfe, eine Zeit der sich gegenseitig unterstützenden Nachbarschaft, eine Zeit der Sorge um die ungewisse Zukunft, der Besorgnis und Angst um die als Soldaten eingezogenen Angehörigen. Es war eine Zeit der Vorsicht und des Misstrauens. Man wusste sich nie sicher vor Anzeige und Denunziation.

                                                                                                                                            Josef Heinrich

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