6.2.2012 : 14:25 : +0100

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Dezember

 

" Obòsz Polski Wolnoc", das Polenlager der Vereinten Nationen in Lebach.

Bildbeschriftung: Die Weltflüchtlingsorganisation UNRRA konnte ihren Versorgungsauftrag für Tausende Verschleppter Personen - DPs in Lebach gleich nach den Kampfhandlungen nur mit Hilfe von eigenen Camions erfüllen. Ihre Lastkraftwagenfahrer brachten täglich vom belgischen Hafen Antwerpen Lebensmittel und Hilfsgüter heran. Einer von ihnen Anton Hanusek (CSR), Ingenieur für Bergbautechnik, wurde später in die UNRRA - Dienste als Offizier und Werkstattleiter übernommen. Er gründete durch Verheiratung mit Gerda Graf aus Lebach seine Familie und im Saar- und Ruhrbergbau eine Existenz.

Archiv: Klaus Altmeyer

 

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<typohead type="1" align="center">„Obòsz Polski Wolnoc“, das Polenlager der Vereinten Nationen in Lebach<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" /></typohead>

 

Als erste Hilfsorganisation gründen im November 1944 die 41 im Krieg gegen Hitler Deutschland verbündeten  Vereinten Nation – VN die Unitend Nations Relief and Rehabiltation Organisation  - UNRRA mit dem Auftrag, im besiegten Deutschland die Zwangsarbeiter aus Ost- und Westeuropa und Kriegsgefangene zu erfassen, zu versorgen und ihre baldige Heimführung zu veranlassen. Das Hilfspersonal wird hauptsächlich in Westeuropa rekrutiert und in Mannschaften geschult. UNRRA Team 15 nimmt gleich nach dem Einmarsch der 70. US Infanteriedivision, also vor der Kapitulation, ihre Tätigkeit im Sammellager für ausländische Arbeiter Kaserne Lebach  auf. Daneben gibt es in Saarbrücken in der Below-Kaserne  (Heute Universitätsgelände) ein zweites Lager. Auf  Weisung der US Militärs finden sich an beiden Stellen alle alliierten Staatsangehörige ein, die unter schwierigen, zuweilen leidvollen Lebensbedingungen im Zwangseinsatz  arbeiten und nunmehr davon befreit sind. Es sind dies hauptsächlich Ostarbeiter, ehemalige russische Gefangene, Fremdarbeiter aus Westeuropa sowie italienische Militärinternierte. Ihr unfreiwilliges Arbeitsfeld:  Gruben und Hütten im Lande, Industrie-, Versorgungs- und Mittelbetriebe, Bauernhöfe oder Haushalte. Nun sind sie alle auf der Seite der Sieger und stehen als Displaced Persons - DPs (Verschleppte Personen) unter dem Schutz der US Armee und in der Obhut von UNRRA Team 15 Lebach

Mitten in dem heillosen Durcheinander nach Kampfhandlungen und  nachfolgender Besetzung sowie der Wiederbesiedlung durch zurückkehrende Einwohner findet sich über Wochen in und um die Lebacher Kaserne eine unüberschaubare Menschenansammlung von ca. 5 000 DPs ein. Die Besatzungstruppe ist hier fast überfordert. Die Bewohner der umliegenden Ortschaften fürchten sich vor Plünderungen und Ausschreitungen einzelner Gruppen. Die DPs werden zwar nach Waffen kontrolliert und müssen ebenfalls das nächtliche Ausgehverbot einhalten. Dennoch kommt es zu Diebstählen und gewaltsamen Übergriffen, die teils als Racheakte einzuordnen sind. Von einigen Vorfällen ist noch lange die Rede. In Niedersaubach wird am 6. Juni der schwerhörige Landwirt Johann Riehm (66 Jahre) nachts in seiner Wohnung von Plünderern erschossen. Zwei Tage später werden in Knorscheid um 2 Uhr nachts Margaret Schäfer (43 Jahre) und ihre fünfjährige Tochter Maria gewaltsam überfallen und erschlagen. Anfang Juli verhindern drei beherzte junge Männer – Peter Bauer, Hans Schäfer und Erwin Schweitzer – einen Überfall auf Jabacher Bauernhöfe. Die polnische Lagerwache ergreift sie danach und drangsaliert sie drei Tage lang im Wachlokal. Erst der französische Militärkommandant befreit sie.

Erträgliche Verhältnisse kehren schließlich  ein, als das Lager hauptsächlich mit Polen (kath.) und West-Ukrainern (russ.- orthodox) belegt wird und eine eigene Lagerverwaltung entsteht, und zwar Obòsz Polski Wolnoc Lebach = Polnisches Lager Freiheit. Der Lagerkommandant J. Hemmerling verfügt über eine Wachtruppe. Mit Genehmigung des Regierungspräsidiums Saar übernimmt er im Dezember 1945 die Aufgabe eines Standesbeamten. UNRRA Team 15 kann ohne weitere Störung die Betreuung von rund 3000 DPs fortsetzen. Teamchef Major Edwards (GB) wird dabei unterstützt von Dr. A.P. Bollaert (B) als Chefarzt, Hauptfürsorge Offizier Elisabeth Dingle (GB), den Capitainen Madec (F) und Bond (USA), Leutnant und Werkstattleiter Dipl. Ing. Anton Hanusek (CSR) sowie weiteren qualifizierten Mitarbeitern. Die Offiziere wohnen in requirierten Wohnungen in Lebach und haben im Gasthaus  Schwinn (Tholeyer Straße) ein Casino zu ihrer Verfügung.

Auf Anleitung von UNRRA entfalten die Bewohner des Polish Camp Liberty verschiedene Aktivitäten. Kindergarten und Kindergrippe unterstehen Miss Dingle, die auch die Organisation  des Krankenhauses  besorgt. Handwerkliche Ausbildungskurse für Männer und Frauen werden angeboten. Die religiöse Betreuung erfolgt anfänglich durch die Pfarrei Lebach, hauptsächlich durch Kaplan Hubert Stockhausen, der mit Messdienern, wie z.B. Richard Kallenborn und Will Löw insgesamt 56 kirchliche Trauungen in der Zeit von Mai bis 14.Juli 1945 vornimmt. Diese finden in der als Notkirche hergerichteten  ehemaligen Reithalle statt. Die Kontakte zwischen Lagerinsassen und einheimischer Bevölkerung bleiben eher gering, sie beschränken sich auf Tauschhandel und Schwarzmarkt. Im Lebacher Straßenbild gehören die DPs zum Alltag der ersten Nachkriegsjahre. Einzelne DPs behalten weiterhin Kontakt mit ihren bisherigen Arbeitgebern wie z.B. Landwirten, Handwerkern oder Haushalten. Einmal im Monat holen sie im UNRRA Lager die zusätzlichen Zuteilungen ab.

Trotz der großen Bemühungen der Lagerleitung, die DPs zur Heimkehr zu bewegen,  bleibt der Erfolg gering. Anfangs sind die maroden Verkehrswege hinderlich. Bezüglich der Rückkehr folgen die polnischen DPs eher den Weisungen ihrer Exilregierung in London, die vor dem kommunistischen Regime im Lande warnt und zuerst freie Wahlen verlangt. Andere zögern, weil sie sich Chancen ausrechnen, nach Nord- oder Südamerika oder gar nach Australien auswandern zu können. Dort sind Landarbeiter und geschulte Techniker gefragt. Im Herbst 1946 verlangen die Sowjets die Rückführung von 800 Westukrainern. Im Lager verbleiben bis März 1947 rund 2000 Polen. Einzelne gründen Existenzen und Familien in Deutschland. Mit Blick auf den wirtschaftlichen Anschluss des Saarlandes  ergibt sich die Notwendigkeit, die UNRRA Lager in Lebach und in Homburg (La Brétèche Team 26) aufzulösen und die DPs nach Bad Kreuznach und Niederlahnstein zu verlegen. Das bedeutet das Ende von zwei Jahren direkte Einbindung unseres Ortes  in die größte europäische Bevölkerungsbewegung, es  ist aus heutiger Sicht für Lebach eine Vorstufe für kommende Erfahrungen im globalem Zuschnitt.

 

Klaus Altmeyer

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