9.9.2010 : 8:24 : +0200

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Juni

 

 

Der  9. Oktober 1944, ein unheilvoller Herbstag.

 

Bildbeschriftung: Haus Söll, Saarbrücker Strasse nach dem dem Luftangriff vom 9, Dezember 1944.

 

Foto: Frau Ehret - Söll

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Überleben unter den Bedingungen des Krieges<?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

 

In unserer ländlichen Gegend waren die Umstände des Krieges gewiss nicht so hart wie in den städtischen Zentren. Zum einen lagen unsere Orte nicht so im Visier der Angriffsbemühungen wie die Städte, zum anderen war die Versorgungslage in unseren auf Selbstversorgung ausgerichteten Dörfern immer noch besser als in den Städten und Industriezentren.

Dennoch  wurde auch bei uns die Lage immer angespannter, je länger der Krieg dauerte. Die meisten Männer waren eingezogen. Auf den größeren Bauernhöfen waren Gefangene oder Zwangsarbeiter als Hilfen eingesetzt. Bei den Bergmannsbauern mussten alle für das Leben der Familie notwendigen landwirtschaftlichen Arbeiten von den Frauen und Kindern geleistet werden.

Hart und bedrückend waren die vorgeschriebenen Abgaben von allen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Sie waren so hoch, dass die Versorgung der eigenen Familie gefährdet war. Natürlich versuchte jeder zu mogeln. Schweine und Kälber wurden „schwarz“ geschlachtet. Die Milchleistung der Kühe wurde geringer angegeben, ebenso wie das Ernteergebnis bei Getreide und Kartoffeln.

Mit zunehmender Kriegsdauer wurden die Kontrollen verschärft, was zu mehr Phantasie und Risikobereitschaft bei der Umgehung der Vorschriften herausforderte. In manchem Heustapel war eine Kiste mit Getreidesäcken versteckt. Der Lagerraum für die Kartoffeln wurde so vertieft, dass die Kontrolleure nicht die wirkliche Menge ausmessen konnten. In jedem Haus war ein versteckter kleiner Raum, das so genannte „Häloch“ („Hä“ von „Häwes“), in dem Vorräte vor der Kontrolle sicher versteckt werden konnten.

Die Kontrolleure waren alles andere als beliebt. Der Milchkontrolleur, der sich nicht darauf beschränkte, die ihm vorgezeigte Milchmenge zu messen, sondern auch nachprüfte, ob die Kühe wirklich ausgemolken worden waren, wurde abschätzig „Naudermann“ („Nauder“ = Euter) genannt. Der Kontrolldruck schweißte die Dorfgemeinschaft zusammen. Wenn Kontrolleure anrückten, wurde die Warnung in Windeseile von Haus zu Haus weitergegeben. So konnte nicht angemeldetes Vieh schnell aus dem Stall in den nahen Wald getrieben werden. Dabei wurde Nachbarschaftshilfe großgeschrieben, so dass die Kontrollen meist ergebnislos verliefen.

Um die heimliche Milchwirtschaft zu unterbinden, wurde die Abgabe aller Zentrifugen und Butterfässer verfügt. Nun wurden die altertümlichen „Milchapparate“ wieder aus den Abstellkammern herausgesucht, die nun notdürftig die Zentrifugen beim Entrahmen der Milch ersetzen mussten. Wer noch ein altes Butterfass aufbewahrt hatte, gab natürlich nur ein Gerät ab, meist, um keinen Verdacht zu erregen, das neuere. Unser kleines gläsernes Butterfass wanderte damals, unter einem Sack im Kartoffelkorb versteckt, in der ganzen Nachbarschaft von Haus zu Haus.

Die Mangellage machte sich nicht nur im Bereich der Nahrungsmittel bemerkbar. Hilfreich war, dass die Menschen damals in allen Bereichen, viel mehr als heute, auf Sparsamkeit und findige Selbstversorgung eingestellt waren. Schuhe wurden in fast jeder Familie selbst besohlt, Kleider geflickt und umgenäht. Das sah natürlich sehr ärmlich aus, aber  man wusste sich irgendwie zu helfen. Nichts wurde weggeworfen: kein alter Schuh, kein zerrissenes Kleidungsstück, kein Blatt Papier. Immer noch konnte man einen Leder- oder Stoffflicken daraus schneiden, und Zeitungsblätter wurden zu Toilettenpapier. Aus leeren Schuhwichsdosen und den kleinsten Kerzenstummeln wurden Wachsleuchten gebastelt.

Kaffee gab es nicht mehr. Gerste- oder Roggenkörner wurden unter ständigem Umrühren auf dem Herd geröstet und als Kaffeeersatz genutzt. Seife war rar und teuer. Daher wurde aus den Schlachtabfällen wie Knochen- und Gedärmefett unter Zusatz von „Seifenstein“ Seife gekocht. Das stank zwar fürchterlich, aber wenn der Sud eingedickt war, konnte er nach dem Abkühlen in Stücke geschnitten werden, und die Reinigung von Haus, Kleidung und Mensch war wieder eine Zeit lang ermöglicht. Öl war knapp. Im Herbst mussten die Kinder Buchecker sammeln. Die Ecker wurden von Hand einzeln geschält. Dann wurde in Handpressen das Öl aus ihnen herausgequetscht. In jedem Garten wurden Heilkräuter, besonders Pfefferminze, angepflanzt. Die Kinder mussten Lindenblüten sammeln. Jede Familie hatte so ihre kleine Hausapotheke aus getrockneten Heilkräutern. Mit altbewährten „Hausmittelchen“ wurden Fieber, Erkältung und viele kleine Wehwehchen behandelt.

Es war eine Zeit des Mangels, aber auch der findigen Selbsthilfe, eine Zeit der sich gegenseitig unterstützenden Nachbarschaft, eine Zeit der Sorge um die ungewisse Zukunft, der Besorgnis und Angst um die als Soldaten eingezogenen Angehörigen. Es war eine Zeit der Vorsicht und des Misstrauens. Man wusste sich nie sicher vor Anzeige und Denunziation.

 

Josef Heinrich

 

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