10.9.2010 : 22:46 : +0200

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November

 

Die Front naht - Die Lebacher flüchten.

Bildbeschriftung: Folgen eines Artilleriebeschusses am Haus PB Riehm vom 07.12.1944

Archiv: Egon Gross

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Die Front naht – Die Lebacher flüchten

 

Im Spätherbst 1944 war die Front von Lebach nicht mehr weit entfernt. In der Zeit vom 29.11. bis 7.12.1944 meldete der Wehrmachtsbericht:

 

- der Feind erzielte tiefe Einbrüche bei Merzig und Saarlautern, die erst kurz vor der Saar aufgefangen werden konnten (29.11.);

- bei Merzig wurden die eigenen Kräfte hinter die Saar, d. h. in den Westwall zurückgenommen; bei Saarlautern lag die HKL (Hauptkampflinie) nunmehr unmittelbar vor der Stadt (30.11.);

- bei Saarlautern dauerte der Kampf an, das nunmehr in der Hand des Feindes ist; bei Ensdorf drang der Gegner in den Westwall ein (5.12.);

- die Krise bei Saarlautern dauert an; bei Dillingen griff der Feind die Bunkerlinie an (6.12.);

- bei Dillingen vergrößerte der Feind den Einbruch in den Westwall (7.12.).

 

Diese sachlich-nüchternen Berichte der Wehrmacht sagen nichts über die Not und das Elend der Zivilbevölkerung in den Kampfgebieten aus, die nach 1939 nun schon zum 2. Mal ihre Heimat verlassen musste. Zu dieser Zeit verspürte längst auch die Lebacher Bevölkerung die Schrecken des Krieges und fürchtete das Herannahen der Front. Flüchtlingstrecks aus den Kampfgebieten zogen im Herbst 1944 tagelang durch Lebach, das als wichtiger Verkehrsknotenpunkt fast täglich den Angriffen feindlicher Jagdbomber ausgesetzt war. Ihre Angriffe, die sich von Tag zu Tag steigerten, galten meist den Nachschubwegen, insbesondere dem Bahnhof mit seinen Anlagen. Aber alles, „was sich bewegte“, wurde unter Beschuss genommen. Durch Bombenabwürfe und Bordwaffenbeschuss kamen mehrere Lebacher zu Tode. Große Schäden entstanden an Häusern in der Jabacher- und Dillinger Straße. Die Bevölkerung suchte bei Fliegeralarm Schutz in Westwallbunkern – z.B. in der Dillinger Straße und in der Gemarkung Jabach – oder in Stollen, die man in natürlichen Erderhebungen angelegt hatte. Solche Erdstollen befanden sich u. a. in der Saarbrückerstraße mit einem weiteren Zugang in der Saarlouiser Straße, im Weiherchen und am Schützenberg.

Ende November/Anfang Dezember 1944 hörte man das „Grummeln“ der Front und konnte bei Dunkelheit das Mündungsfeuer wie Wetterleuchten über dem Hoxberg sehen. Des Nachts fuhren Militärtransporte durch die heutige Dillinger- und die Saarlouiserstraße in die Kampfgebiete. Verwundete deutsche Soldaten wurden in der Gegenrichtung zum Hauptverbandsplatz (davor Feldlazarett) in der Dillinger Straße gebracht. Als dann noch am 07.12.1944 Artilleriebeschuss einsetzte und fünf Todesopfer forderte (Irene Alt, Aloisia Hell, Johann Keller, Josef Randerath und August Peter aus Falscheid), war für viele Lebacher Familien, die jetzt noch zu Hause waren, die Zeit gekommen, freiwillig die Heimat zu verlassen, um in weniger gefährdeten Ortschaften der näheren oder weiteren Umgebung Schutz zu suchen. Wer aus beruflichen oder sonstigen Gründen unabkömmlich war, musste in seinem Heimatort ausharren. Eine planmäßige Evakuierung fand nicht statt. Sie musste selbst organisiert werden. Sofern überhaupt noch möglich, nutzte man für die Evakuierung in entlegene Gebiete die Bahn. Diese verkehrte zu dieser Zeit aber nur noch unregelmäßig und war häufig der Gefahr von Luftangriffen ausgesetzt.

Der Verfasser, 1944 7 Jahre alt, erinnert sich, „dass er am Nikolaustag (6.12.) mit seiner Mutter und noch drei Geschwistern – die jüngste Schwester war 2 Wochen alt – in einem Taxi von Paul Söll zu Verwandten nach Urexweiler gebracht wurde. In einem Anhänger waren die notwendigsten Sachen verstaut. Der Vater durfte als Eisenbahner Lebach nicht verlassen. Eine weitere damals 16-jährige Schwester versorgte ihm den Haushalt und blieb ebenfalls zu Hause“.

Viele Familien machten sich mit dem Handwagen (Ziehwägelchen) auf den Weg, wobei nur das Notwendigste mitgenommen werden konnte. Man begab sich meist in nahe gelegene Orte, z. B. nach Thalexweiler, Steinbach, Sotzweiler, Tholey, Alsweiler, Marpingen, Scheuern, Hasborn, Oberkirchen; selbst im Ortsteil „Hahn“ suchten Lebacher Familien Schutz. Die Nähe zur Heimat wurde genutzt, um ab und zu in den verlassenen Häusern nach dem Rechten zu sehen und zurückgelassene Vorräte mit in die Evakuierungsorte zu nehmen.

Es gab auch Lebacher Familien, die entlegene Gebiete aufsuchten. Dazu Werner Britz: „Im Spätherbst 1944 verließen wir wegen der nahenden Front und der Gefährdung durch Fliegerangriffe Lebach und fuhren mit der Bahn zu meiner Großmutter nach Auscha (Sudetenland). Wenn ich mich recht erinnere, waren wir mehrere Tage unterwegs“.

Ein Teil der Bevölkerung blieb trotz allem zu Hause. Ihre Zahl wurde 1954/55 in einer „Rundfrage der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung über Schicksale der saarländischen Gemeinden und ihrer Bevölkerung im 2. Weltkrieg“ von der Gemeinde Lebach mit rd. 600 Personen angegeben.

Für Lebach endete der Krieg mit dem Einmarsch der Amerikaner am 18.03.1945. Wenige Tage später kamen die ersten Familien wieder nach Hause.

Viele, insbesondere die Bewohner der Jabacher- und der Dillinger Straße, fanden bei der Rückkehr ihre Häuser entweder schwer beschädigt oder in Trümmern vor. Bis zum Wiederaufbau, bei dem Frauen und Kinder mit Hand anlegen mussten, waren sie gezwungen, sich eine andere Bleibe zu suchen.

Die Rückkehr aus entfernten Gebieten war oftmals nicht so schnell möglich. Hier dauerte der Krieg zunächst noch an. Danach machten zerstörte Verkehrswege, überfüllte Züge, unregelmäßige Abfahrzeiten eine schnelle Heimfahrt unmöglich. Auch dazu erinnert sich Werner Britz:

„Wir durften nach Kriegsende zunächst aus dem Sudetenland nicht ausreisen. Irgendwann gab man uns die Möglichkeit, auf Güterwagen in Richtung Heimat zu fahren. Aus unerklärlichen Gründen hielt der Zug mehrmals an, wobei uns Tschechen kontrollierten. Schließlich ging es mit dem Zug nicht mehr weiter. Meine Mutter organisierte dann einen Handwagen, mit dem wir weiterzogen. Von einem Landwirt sind wir des Nachts aus dem russischen Sektor geführt worden. Es vergingen Wochen, bis wir endlich wieder in Lebach ankamen.“

Nach dem Krieg dauerte es Jahre, bis sich das Leben wieder normalisiert hatte und die Kriegsereignisse allmählich in Vergessenheit gerieten. Obwohl inzwischen 60 Jahre vergangen sind, werden sich noch viele ältere Lebacher, vor allem die damaligen „Kriegskinder“ an manches Kriegserlebnis erinnern, heute aber auch dankbar auf nunmehr 60 Jahre Frieden zurückblicken.

 

Benno Müller

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