9.9.2010 : 8:18 : +0200

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Oktober

 

Der 6. Oktober 1944, ein unheilvoller Herbsttag.

Bildbeschriftung: Haus Loew in der Jabacher Strasse.

Aufnahme aus dem Jahr 1942. Agnes Loew (1. von li.), Willi Loew (2. von li.) und andere Verwandte und Bekannte.

Textbild: Josef Loew

Foto: Privat

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Der 6. Oktober 1944, ein unheilvoller Herbsttag

 

Der Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, Dwight D. Eisenhower, und die Generäle Bradley und Patton hatten am 02.09.1944 in Chartres den Entschluss gefasst, den Durchbruch durch den Westwall im Bereich der heutigen Kreisstadt Saarlouis, damals Saarlautern, zu erzwingen.

In Lebach als Eisenbahnknotenpunkt galten die Bombenangriffe vor allem dem Bahnhof mit den Rangieranlagen und Verladeeinrichtungen für Militärfahrzeuge und Munition. Diese verfehlten häufig ihr Ziel und trafen die Häuser entlang der parallel zu den Gleisen verlaufenden Jabacher Straße.

Am Freitag, dem 06.10.1944, wurde das Haus der Eheleute Josef und Agnes Loew geb. Ziegler als erstes Haus in Lebach durch einen Bombenvolltreffer total zerstört.

Der damals 14jährige Willi Loew spricht von einem Herbsttag, der zunächst „sonnig“ und „friedlich“ war. Er erinnert sich: „Um 16.00 Uhr wurde dieser Herbstfriede jäh unterbrochen. Einige Feindflieger griffen ohne vorherigen Luftalarm einen Militärzug auf den Eisenbahngleisen an. Im Haus befand sich außer mir nur mein 45jähriger Vater. Meine Mutter war zuvor mit der Mieterin Regina Kreis und deren Kindern Inge und Amanda noch schnell in den Keller des Nachbarn Nikolaus Jungmann geeilt, da es bis  zum 100 Meter  entfernten Luftschutzbunker  zu spät war. Ich kam vom Einkauf ins Haus, weckte im Schlafzimmer des Erdgeschosses den Vater, der als Eisenbahnbeamter Nachtdienst hatte und am Tag einige Stunden schlafen musste. Ich sah, wie er sich ankleidete und beim Einschlag der Bombe die Fensterscheiben ins Haus fielen. Dann hörte ich ein ohrenbetäubendes Krachen und die Todesschreie des Vaters. Die einige Zentner schwere Sprengbombe fiel durch das Haus bis in den Keller, explodierte dort und zerstörte das im Jahre 1936 erbaute Haus bis auf die Grundmauern. Ein Augenzeuge aus der Mottener Straße sah, wie sich das Gebäude nach dem Einschlag der Bombe hob und danach wie ein Kartenhaus zusammenbrach.

Nach einigen Schrecksekunden lag ich eingeklemmt mit einem Beinbruch zwischen Kochherd, Balken und Bruchsteinen auf einem riesigen Trümmerberg. Nach Auflösung der Staubwolke sah ich den verheerenden Schaden. Josef Lauer und Johann Pütz aus der Nachbarschaft leisteten mir zunächst Hilfe und brachten mich auf einer Tragbahre in das Reservelazarett (jetzt Gymnasien) in der Dillinger Straße. Dort besuchte mich noch vor der ärztlichen Versorgung Kaplan Hubert Stockhausen, der mich als Ministrant gut kannte. Nach längerem Suchen fand man unter den Schuttmassen und im Garten Körperteile vom Vater. Die Beisetzung fand einige Tage später auf dem Lebacher Ehrenfriedhof wegen der Fliegergefahr schon frühmorgens statt. Von 1942 bis  Mai 1944 war der Vater im Eisenbahndienst in der Ukraine eingesetzt und überlebte am 4. Dezember 1942 einen nächtlichen Partisanenüberfall auf seine Dienststelle bei Kiew, wobei auch sein Lieblingsinstrument, die Konzert-Zither, verbrannte. Am 12.10.1944 wurde ich nachts mit weiteren Verwundeten in einem Viehwaggon der Bahn nach St. Wendel in das Marienkrankenhaus verlegt, wo ich oft wegen Fliegerangriffen in den Luftschutzraum musste. Nach Verheilung des Beinbruchs kehrte ich zu meiner Mutter, die bei Verwandten in Eiweiler eine Unterkunft erhalten hatte, zurück. Als die Front näher kam, flüchteten wir im Dezember 1944 mit Verwandten nach Hirzweiler in ein Jagdhaus in einem Tannenwald, wo wir durch Artilleriegeschosse der deutschen Wehrmacht, die für anrückende Amerikaner gedacht waren, fast ums Leben kamen. Nach Einzug der Amerikaner kehrten wir am 19. März 1945 nach Eiweiler zurück. Von 1946 bis zum Wiederaufbau des Wohnhauses durch die Lebacher Baufirma Alt  im Jahre 1949 wohnten wir im Hause der Familie Aloys Schorr - Simon in der Lebacher Pfarrgasse. Mit einem Wiederaufbaudarlehen zu zwei Prozent konnte das Haus nochmals  aufgebaut werden“.

Die Mutter von Willi Loew starb 74jährig im Februar 1979. Er selbst trat 1947 in den öffentlichen Dienst der Gemeinde (jetzt Stadt) Lebach ein, erwarb 1964 sein Verwaltungsdiplom an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Saarbrücken und trat nach fast 50jähriger Dienstzeit im November 1995 in den Ruhestand. Er spricht von „tiefeingewurzelten Erinnerungen an diese schreckliche Zeit, die niemand verdrängen kann“ und wünscht sich, „dass man nach all den Kriegserlebnissen an der Erhaltung des Friedens stets mit Vernunft meisterlich arbeiten sollte; denn der Friede ist, wie es der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724 - 1804) formuliert hatte, ein Meisterwerk der Vernunft“.

 

Hildegard Bayer

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